Selbstbehalt als Instrument der Risikofinanzierung

22.10.2015 - Wann ist eine Versicherung sinnvoll? Die Frage von Risikotransfer vs. Risikoeigentragung ist für Unternehmen jeder Größenordnung von Bedeutung: Die Kosten für Versicherungsprämien stehen dem durch die Selbsttragung gebundenen Eigenkapital gegenüber. Ein betriebswirtschaftlich sinnvolles Versicherungsmanagement bringt diese zwei Kostenfaktoren ins Gleichgewicht. Ausgehend von der individuellen Risikophilosophie eines Unternehmens, können dabei auch neue Modelle der Risikoselbsttragung bzw. Selbstfinanzierung zum Einsatz kommen.

Risikotransfer vs. Risikoeigentragung im betrieblichen Versicherungsmanagement

Unabhängig von der Größe eines Unternehmens sind Eigenbehalte im Rahmen einer Versicherungslösung betriebswirtschaftlich durchaus sinnvoll – nämlich immer dann, wenn die Risikoprämien die Kapitalkosten für eine Selbsttragung überschreiten würden. Insbesondere im Mittelstand ist aber nach wie vor eine Vollkasko-Mentalität verbreitet. Sie wird getragen von einer intransparenten Versicherungspolitik, in der die individuelle Risikophilosophie häufig keine Berücksichtigung findet.

Um das historisch gewachsene betriebliche Versicherungsmanagement in das Risikomanagement eines Unternehmens zu integrieren und diese Prozesse zu synchronisieren, empfiehlt es sich, die tatsächliche Risikosituation und die individuelle Risikophilosophie strategisch miteinander abzugleichen:

  • Risikobewertung/Risk Profiling: Betrachtung der Risikolage, völlig losgelöst von etwaigen bestehenden Versicherungslösungen – die Risiken jedes Geschäftsbereichs werden qualifiziert und quantifiziert.
  • Risikobewältigungsstrategie: Auf der Basis der Risikobewertung wird eine Strategie zur Bewältigung dieser Risiken ausgearbeitet. Im Fokus stehen präventive Maßnahmen in den Bereichen Technik und Organisation. Nur für die Risiken, die weder technisch/organisatorisch bewältigt noch selbst getragen werden können, wird ein Transferkonzept ausgearbeitet.
  • Vergleich Ist-Soll: Die Ist-Versicherungssituation (Punkt 1) wird mit dem Soll-Versicherungskonzept (Punkt 2) abgeglichen, um Optimierungspotenziale zu identifizieren.

 

Total Cost of Risk-Analyse als Instrument im Versicherungs­management

Mit dem Ziel, die Risiken und Risikokosten eines Unternehmens insgesamt steuerbarer zu machen, werden im Rahmen einer Total Cost of Risk-Analyse (TCR) die Wertbeiträge von einzelnen Versicherungslösungen ermittelt und Schritt für Schritt mögliche Optimierungspotenziale aufgezeigt:

  • Bestimmung der Risikokosten unter Berücksichtigung folgender Positionen:

    • Kosten für Risikoprävention (Interne Kontrollsysteme und Organisation)
    • Risikotransferkosten
    • Verwaltungskosten
    • Kosten für Risikoselbsttragung
    • (kalkulatorische) Kosten für gebundenes Eigenkapital

  • Kostenoptimierung: Auswahl der Risikoarten und -kosten, die optimiert werden sollen bzw. können.
  • Risikoaggregation: Die Gesamtrisikoposition aller in die Analyse einbezogenen Risiken wird ermittelt, Risikobewältigungsmaßnahmen werden dabei berücksichtigt. Aus der Risikoaggregation wird der benötigte Eigenkapitalbedarf eines Unternehmens ermittelt.

Mit der TCR-Analyse schlüpft der Versicherungsmakler in die Rolle des Risiko-Coaches, der den Unternehmen hilft, ihre Risikoentscheidungen besser informiert zu treffen und ein ökonomisch plausibles Versicherungsmanagement umzusetzen.

 

Innovative Instrumente der Risikoeigentragung

Captive-Modelle und Cash-Pols sind innovative Tools zur Selbsttragung, man könnte aber sagen, dass sie eine Schnittstelle zwischen Risikotransfer und Risikoeigentragung bilden.

Eine Captive ist ein eigenes, von den Versicherungsnehmern gegründetes Unternehmen. Diese Versicherungsform bietet

  • finanzielle Vorteile: Senkung der operativen Kosten durch Skalenvorteile.
  • juristische Vorteile: Für alle Versicherten gilt die Rechtsgrundlage am Captive-Sitz.

Voraussetzungen für die Gründung einer Captive sind eine Versicherungslizenz sowie ein grundsätzlich positiver Schadenverlauf. Die Versicherungsnehmer sollten bereit sein, ein aktives Risikomanagement umzusetzen und ein ausreichendes Prämienvolumen stellen zu können.

Vorteile einer Capitve sind neben der Selbstbestimmung vor allem die versicherungstechnischen Möglichkeiten – über Captives können problemlos Risiken gedeckt werden, die über den klassischen Markt nicht so einfach versicherbar sind, z. B Cyberkriminalität oder Reputation.

Ein Cash-Pool orientiert sich am Prinzip des kommunalen Schadenausgleichs, bei dem sich mehrere Versicherungsnehmer zusammenschließen und kleinere Frequenzschäden nach dem Solidaritätsprinzip selbst tragen. Seit einiger Zeit wird das Pooling-Konzept auch im privatwirtschaftlichen Versicherungsumfeld angeboten:

  • ein Teil der eingezahlten Versicherungsbeiträge fließt als Vorfinanzierung des Selbstbehaltes im Schadenfall in einen Cash Pool
  • kleine Schäden werden aus dem Cash Pool beglichen
  • Schäden oberhalb der Selbstbeteiligungsgrenze werden vom Versicherer reguliert
  • tritt kein Schaden ein, erhält der Versicherungsnehmer seinen Anteil rückvergütet bzw. angerechnet

Voraussetzungen für den Cash Pool sind – ähnlich  wie bei der Captive – ein grundsätzlich positiver Schadenverlauf sowie die Bereitschaft zur substanziellen Selbstbeteiligung im Unternehmen.

Vorteile sind vor allem die Aussicht einer anteiligen Rückvergütung, die als Anreiz im Sinne einer Schadenverhütung bzw. des Risikomanagements gewertet werden kann.

Entscheidend ist bei den Modellen zur Risikoselbsttragung, dass sie von entsprechenden Risikomanagement-Maßnahmen begleitet werden, zum Beispiel durch spezialisierte Versicherungsmakler oder Industrieversicherungsgesellschaften. Hier greifen Ansätze zur Schadenverhütung und die entsprechenden Eigentragungsmodelle zur Honorierung der Schadenverhütung ineinander.


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