Wenn das Gas knapp wird: Versicherungen & Vorkehrungen für die Industrie

Zur Sicherung der Gasversorgung hat Deutschland Zulieferungen aus Ländern wie den Niederlanden und Norwegen erheblich verstärkt sowie Importe von Flüssiggas aus dem Nahen Osten organisiert. Ob dies reichen wird, um den Verlust der russischen Gas-Importe auszugleichen, ist jedoch ungewiss. Uneinigkeit in der Politik hinsichtlich einer Gasumlage oder eines Energiepreisdeckels sorgen für zusätzliche Unsicherheit. Wir geben einen Überblick über Versicherbarkeit und Krisenmanagement.

Seit Beginn des Ukraine-Kriegs stellt sich die Frage nach der Versorgungssicherheit. Die Abhängigkeit vom russischen Erdgas ist trotz aller Bemühungen der Politik eine große Herausforderung. Die aktuellen Ereignisse um die Pipelines Nordstream 1 und 2 führen darüber hinaus zu weiteren Ängsten hinsichtlich der Versorgungssicherheit, auch wenn durch diese ohnehin derzeit kein Gas mehr geliefert wird. Sabotage rückt hierdurch in den Fokus und ist in allen Bereichen der Energie-Infrastruktur denkbar, sei es durch physische Eingriffe oder Cyberattacken. Ein Lieferstopp würde in den Industriezweigen mit hohem Energieverbrauch den größten Schaden anrichten, also in der Metall-, Chemie- und Papierindustrie. Es wären jedoch auch weitere Branchen betroffen, da dort Vorprodukte fehlen würden. Die Konsequenzen einer Gasmangellage wären in der vernetzten deutschen Industrieproduktion je nach Szenario verheerend.

Was in der Notfallstufe passiert

In Deutschland regelt der „Notfallplan Gas“ der Bundesregierung die Versorgung in einer Krisensituation. Dieser Notfallplan besteht aus drei Stufen und enthält konkrete Maßnahmen zur Sicherung der Gasversorgung. Zudem regelt der Plan über die Bundesnetzagentur die Zuteilung der Gasmengen: Ihr obliegt in Abstimmung mit den Netzbetreibern die Funktion des Bundeslastverteilers. Derzeit gilt in Deutschland die Alarmstufe, also Stufe 2 von 3. Erst in Stufe 3, der sogenannten Notfallstufe, greift der Staat hoheitlich ein. „Im Falle einer Rationierung werden Industriebetriebe und Gas-Großverbraucher per Verordnung abgeschaltet, also nicht mehr mit Gas beliefert“, sagt Dr. Alexander Skorna, Geschäftsführer der Funk Consulting. „Gaskunden wie Krankenhäuser oder Privathaushalte haben dann Priorität und werden weiter versorgt.“ Auch Unternehmen, die zwar Gas verbrauchen, dadurch aber Abwärme produzieren, werden vermutlich weiter mit Gas beliefert, denn die Abwärme kann als Fernwärme in die Versorgung von Haushalten gespeist werden. 

Notfallplan Gas der Bundesregierung

Bei Ausrufung der ersten Stufe im März 2022 wurde ein Krisenstab eingerichtet, der täglich die Versorgungslage beobachtet. In dem Krisenstab sitzen Mitarbeiter des Wirtschaftsministeriums und Vertreter aus der Industrie. Parallel müssen Gasversorger Notfallpläne vorbereiten, die auch Maßnahmen zur Einsparung von Gas beinhalten. Die Frühwarnstufe dient bereits als Signal an die Industrie, den Gasverbrauch möglichst zu reduzieren. Gleichzeitig füllt der Bund nach Möglichkeit die Gasspeicher auf.

Diese Stufe ist erreicht, wenn eine Störung der Gasversorgung oder eine außergewöhnlich hohe Gas-Nachfrage vorliegt. Am 23. Juni 2022 hat die Bundesnetzagentur gemeinsam mit dem Wirtschaftsminister Robert Habeck die Alarmstufe ausgerufen. Auch hier regeln weiterhin Marktmechanismen die Nachfrage, die aktuellen Preiserhöhungen sind zugleich Motivation und Beleg der Ernsthaftigkeit, Gas einzusparen. Zudem werden in dieser Stufe Gesetze vorbereitet oder erlassen – so, wie aktuell die sogenannte Gasumlage zur Solidarisierung von Mehrkosten beim Gaseinkauf.

In dieser Situation greift der Staat hoheitlich in die Gasversorgung ein. Entscheidungsinstanz ist die Bundesnetzagentur. Insbesondere die Gasversorgung der geschützten Kunden – wie Krankenhäuser und private Haushalte – soll dadurch sichergestellt werden. Mögliche Maßnahmen sind: Abschaltung von Industriekunden, behördliche Anordnungen, den Gasverbrauch zu reduzieren, oder eine Anordnung zur Nutzung von Strom, der nicht durch Gas erzeugt wird. Gas-Großverbraucher bleiben nach Ausrufen der Notfallstufe teils nur wenige Stunden, um den Betrieb stillzulegen. Eine Folge wäre verbreitete Kurzarbeit, ähnlich wie bei den zurückliegenden Corona-Lockdowns.

Neben Deutschland sind auch angrenzende Länder und ihre Industriebetriebe betroffen, da insbesondere die Schweiz und Tschechien signifikant von Deutschland aus mit Gas beliefert werden. Weitere Verbundnetze bestehen mit Österreich, den Niederlanden, Frankreich und Polen. Die Gasverteilung ist somit mittlerweile ein europaweites Thema und bedarf entsprechender länderübergreifender Abstimmungen.

Die aktuelle Herausforderung trifft Deutschland aber nicht völlig unvorbereitet. Fabian Konopka, Senior Consultant Funk Consulting: „2018 wurde eine regionale Gasmangellage simuliert. Die länder- und ressortübergreifende Krisenmanagementübung – kurz LÜKEX – hat gezeigt, dass Deutschland auf eine Gasmangelsituation gut vorbereitet ist. Der Notfallplan Gas und die Zusammenarbeit im nationalen Krisenteam Gas haben sich in der Übung bewährt.“

„Bei klassischen Deckungskonzepten wie der Feuer-Betriebsunterbrechungs-Versicherung und auch der Maschinen-Betriebsunterbrechungs-Versicherung ist grundsätzlich das Vorliegen eines Sachschadens Regulierungsvoraussetzung.“

Dr. Alexander Skorna

Betriebsunterbrechungs-Versicherung: In der Regel nicht gedeckt

Bei einem potenziellen Lieferstopp rückt die Betriebsunterbrechungs-Versicherung in den Fokus, ähnlich wie zuletzt bei den durch Corona-Lockdowns ausgelöste Betriebsschließungen. Dr. Skorna stellt klar: „Bei klassischen Deckungskonzepten wie der Feuer-Betriebsunterbrechungs-Versicherung und auch der Maschinen-Betriebsunterbrechungs-Versicherung ist grundsätzlich das Vorliegen eines Sachschadens Regulierungsvoraussetzung“. Ein Versorgungsengpass oder ein Lieferstopp von Energieträgern, der nicht zu einem Sachschaden führt, ist damit in der Betriebsunterbrechungs-Versicherung nicht gedeckt. Dies gilt auch für eine Deckungserweiterung in der Technischen Versicherung, nämlich für den Ausfall der öffentlichen Versorgung mit Gas, Strom, Wärme oder Wasser. Auch hier muss zur Schadenregulierung ein Sachschaden an den Einrichtungen der öffentlichen Versorgungsinfrastruktur vorliegen. Wenn also Schäden dadurch entstehen, dass Gas auf Anordnung der Bundesnetzagentur nicht geliefert wird, greift die Versicherung nicht.

NDBI-Deckung: Wenig Angebot am Markt

Vereinzelt gibt es innovative Deckungskonzepte, die in der Betriebsunterbrechungs-Versicherung keinen Sachschaden voraussetzen. Man spricht hier von Supply-Chain- oder NDBI-Deckungen („non-damage business interruption“). Seit der Corona-Pandemie mit ihren behördlich veranlassten Betriebsschließungen ist die Bereitschaft der Versicherer, solche Deckungen anzubieten,  jedoch sehr begrenzt. „Auch vor Corona besaßen nur sehr wenige Unternehmen solche Deckungen, da das Prämienniveau bei diesen Lösungen sehr hoch ist und daher auch von Unternehmen vielfach nicht abgeschlossen worden sind“, sagt Dr. Skorna.

Politische-Gefahren-Deckung: Im Einzelfall zu prüfen

Erfolgt der Gas-Lieferstopp aus politischen Gründen, zum Beispiel auf Basis eines Embargos, so könnten im Einzelfall und bei Vorliegen spezifischer Bedingungen Zusatzklauseln oder die Mitversicherung von politischen Gefahren Deckung gewähren. Demgegenüber stehen Ausschlüsse wie die Kriegsklausel oder die planmäßige Abschaltung von Einrichtungen der öffentlichen Versorgung, etwa zur Sicherung der Netzstabilität. Das Auslösen der Notfallstufe wäre solch eine von langer Hand geplante Abschaltung. Grundsätzlich decken Versicherer unvorhersehbare und außerplanmäßige Sachschäden und Folgen wie eine Betriebsunterbrechung. Die aufgrund eines möglichen Gas-Lieferstopps deutschlandweit großflächig auftretenden Schäden stellen jedoch ein versicherungstechnisch problembehaftetes Kumul-Ereignis dar, welches nicht über die Versicherungsprämien ausgeglichen werden kann. Die private Versicherungswirtschaft kommt bei der Absicherung solch systemischer Risiken wie bei der weltweiten Pandemie klar an ihre Grenzen.

Sachschäden: Bei richtiger Dokumentation ist Regulierung möglich

Indirekte Schäden aufgrund der Unterbrechung der Gasversorgung, wie zum Beispiel Schäden durch geplatzte Wasser- oder Sprinklerleitungen oder technisch bedingte Schäden an Maschinen und Anlagen infolge der Betriebsschließungen, könnten versichert sein. Dies betrifft auch die Gebäude-Versicherung, sollten Immobilien, von Gewerbe bis (Ferien-)Wohnimmobilien, nicht mehr ausreichend beheizt werden (vgl. auch Interview zur Immobilienwirtschaft). Wichtig ist in diesem Fall, dass Unternehmen die entsprechenden Merkblätter, Checklisten und Richtlinien im Kontext einer Betriebsstillegung beachten und ihre Aktivitäten dokumentieren. Frostschäden, insbesondere an Sprinkleranlagen, können zum Beispiel entweder durch Entwässerung oder eine Zugabe von Frostschutzmitteln vermieden werden (siehe Kasten mit Links unten). Dr. Skorna: „Letztlich stellt die Gemengelage eine Gefahrerhöhung nach vielen Bedingungswerken der Sach-Versicherer dar, die diesen von den Versicherungsnehmern anzuzeigen ist.“

Kredit-Versicherung: Vorauszahlungen absichern

Unternehmen können Teile eines finanziellen Risikos aus Gaslieferverträgen sowie entsprechende Vorauszahlungen im Rahmen der bestehenden Kreditlimite absichern. Dazu sind eventuell Deckungsergänzungen in der Kredit-Versicherung notwendig. Unternehmen sollten daher ihre Kredit-Versicherungsverträge prüfen. Deckungsvoraussetzung ist eine entsprechende Bonität. Die Deckung greift zum Beispiel, wenn der Gasversorger in die Insolvenz geht. Um dieses systemrelevante Risiko zu reduzieren, hat die Bundesregierung zuletzt die sogenannte Gasumlage für alle deutschen Gaskunden beschlossen. Hier werden die hohen Mehrkosten für Gasmengen auf dem Weltmarkt auf die Gaskunden zeitverzögert umgelegt, da das vergleichsweise günstigere Gas aus Russland fehlt.

Neben einem Blick in die aktuellen Versicherungsverträge empfiehlt sich außerdem eine Prüfung des aktuellen Risikomanagements. „Die Folgen eines möglichen Gasausfalls sind massiv“, sagt Fabian Konopka. Die Bundesnetzagentur hat Anfang August entsprechende Gas-Szenarien veröffentlicht, die bis Juni 2023 reichen. Aktuell kann eine Gasmangellage im kommenden Winter nicht ausgeschlossen werden. Unternehmen sollten eine Diversifizierung des Energieportfolios prüfen, also die Nutzung von anderen Energieträgern als Gas in Betracht ziehen. Sofern möglich, ist es außerdem sinnvoll, den Gasverbrauch bereits jetzt zu reduzieren. „Der überwiegende Teil der Standorte wird jedoch nicht kurzfristig auf andere Energieträger umsteigen können oder den Gasverbrauch deutlich drosseln“, sagt Konopka.

Unternehmen sollten außerdem jetzt schon Vorbereitungen treffen, welche Anlagen und Werksteile abgeschaltet werden können, bevor im schlimmsten Szenario der ganze Standort geschlossen werden muss. Konopka: „Größere Unternehmen sollten zudem prüfen, ob Teile des Produktionsportfolios auf andere Standorte außerhalb Deutschlands verlagert werden können.“

Länder wie Spanien, Portugal, Großbritannien, Irland oder die Benelux-Länder seien von einer durch Ausbleiben der russischen Gasmengen ausgelösten Mangellage deutlich weniger betroffen als Deutschland. Konopka: „Auch Übersee-Standorte in Nord- und Mittelamerika sowie Asien spüren von unseren Gas-Problemen derzeit wenig, auch wenn die Kosten für Energie dort ebenfalls zum Teil stark steigen.“

Wir analysieren Ihr Betriebsunterbrechungsrisiko

Funk ermittelt, wie stark Ihr Unternehmen im Falle eines Versorgungsausfalls betroffen ist, im Hinblick auf substanzielle Sach- und wirtschaftliche Schäden. Dabei beziehen wir den Ausfall von kritischen Zulieferern und Abnehmern in die Analyse ein. Ist ein Betrieb mit reduzierten Gasmengen oder Ersatzbrennstoffen möglich, zeigen wir ebenfalls Restriktionen und wirtschaftliche Konsequenzen auf.

Mehr Informationen

Funk unterstützt mit Checklisten und Analysen

Als Unterstützung für das Risikomanagement können Sie die Checkliste zur Betriebsstillegung downloaden und anwenden. Funk unterstützt Unternehmen außerdem bei der Fragestellung, welche substanziellen Schäden durch einen Versorgungsausfall entstehen können, insbesondere, wenn der Ausfall ohne längere Vorwarnung eintritt (siehe Kasten).

Im Zuge des Krisenmanagements sollten Unternehmen prüfen, welche Mindestmengen an Gas sie benötigen, um kritische Prozesse weiterhin aufrechtzuerhalten. Falls Unternehmen Abwärme produzieren, die als Fernwärme genutzt werden kann, sollten sie die Gasversorger und Netzbetreiber darüber informieren und auch aktualisierte Lastprofile des Standorts zur Verfügung stellen.

Neben den Gasproblemen könnten im Winter auch bei der Stromversorgung Unterbrechungen und Schwankungen entstehen. Eine Ursache könnten elektrisch betriebene Heizlüfter sein, die viele Haushalte inzwischen angeschafft haben. Mehr zu Risiken durch Gasmangel und Stromausfälle lesen Sie im Interview mit den Funk-Immobilienexperten.

Funk ist an Ihrer Seite. Wenn Sie Fragen zu Ihren individuellen Versicherungspolicen oder Ihrem Risikomanagement haben, sprechen Sie uns gern an.

29.08.2022

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Dr. Alexander Skorna Ansprechpartner bei Funk
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