Wenn die Behörde das Werk stilllegt

22.08.2018 - Eine Explosion in einem Werk von Schill + Seilacher verursacht einen hohen Sachschaden. Doch noch schlimmer wiegt die stillgelegte Produktion, die sich über Jahre hinzieht.

Die Firma Schill + Seilacher stellt chemische Stoffe wie Silikone, Trennmittel oder Additive her, die in zahlreichen Industriezweigen eingesetzt werden. Die innovativen Produkte sichern dem Familienunternehmen die weltweite Marktführerschaft in vielen Gebieten. Die sichere Verarbeitung der Stoffe hat für das Unternehmen höchste Priorität. Dennoch kam es am sächsischen Standort Pirna am frühen Abend des 1. Dezember 2014 zu einem verheerenden Unfall, der bundesweit für Schlagzeilen sorgte: In einer erst kurz zuvor neu errichteten Produktionsanlage explodierte ein Reaktor. Wie sich später herausstellte, war menschliches Versagen die Ursache. Die traurige Bilanz des Unglücks: ein Toter, mehrere Schwerverletzte, hoher Sachschaden. Auch einige Wohnhäuser in der Nachbarschaft des Werkes wurden durch die Druckwelle beschädigt. Es zeichnete sich bereits früh eine existenzbedrohende Betriebsunterbrechung ab.

 

Lars Imbeck, Kundenbetreuer und Großschadenkoordinator bei Funk, sagt: „Ein solch gravierendes Unglück erfordert sofortiges, umsichtiges Handeln, in diesem Fall gemeinsam mit dem Kunden und dem Versicherer. Unsere Hauptaufgabe als Makler sehen wir darin, sofort die richtigen Sachverständigen hinzuzuziehen und eine Hilfestellung für den Umgang mit den Behörden zu bieten, damit die Klärung der Unfallursache beschleunigt werden kann.“ 

Bereits am Tag nach dem Unfall kam ein Expertenteam, bestehend aus Schadenregulierer, Ursachenermittler, Chemiker, Brandsanierer und mehreren Sachverständigen, in Pirna zusammen. Lars Imbeck und Funk Sach-Versicherungsspezialist Kai Winter begleiteten den Schaden vom ersten Tag bis zur Schlussregulierung. Schnell stellte sich heraus, dass dieser Schaden mehrere Versicherungssparten betraf. Dazu gehörten neben der Sach- und Betriebsunterbrechungs-Versicherung auch die Elektronik-Versicherung, die Betriebs-Haftpflicht-Versicherung und die Umwelt-Haftpflicht-Versicherung. Auch die Unfall-Versicherung hatte die vertraglichen Leistungen für die bedauerlichen Todes- und Invaliditätsfälle zu erbringen und wegen der behördlichen Ermittlungen bot die Straf-Rechtschutz-Versicherung die notwendige Deckung. Unmittelbar wurden Sofortmaßnahmen eingeleitet, um das Werksgelände und die unbeschädigt gebliebenen Anlagen zu sichern. 

Nach ersten Schätzungen wurde der Gesamtschaden zunächst bei 100 Millionen Euro eingestuft. Funk erreichte, dass der Versicherer noch am ersten Tag der Schadenbesprechung eine Sofortzahlung von 6,5 Millionen Euro für die Finanzierung von Erstmaßnahmen bewilligte. Sehr schnell kristallisierte sich heraus, dass der Betriebsunterbrechungsschaden deutlich über dem reinen Sachschaden liegen würde. 

Allein die Zeit für den technischen Wiederaufbau wurde auf mindestens 18 Monate geschätzt. Bereits in den ersten Wochen nach dem Schaden kam verschärfend hinzu, dass die zuständigen Behörden eine vorübergehende Stilllegung über den gesamten Standort verhängten, also auch über die Anlagen, die vom Unfall verschont geblieben waren. Es sollte geprüft werden, ob von diesen Anlagen ebenfalls eine Gefahr ausging. Mithin stand das gesamte Werk in Pirna still. Da Pirna den anderen Standorten der Unternehmensgruppe als „verlängerte Werkbank“ diente, waren auch diese von der Unterbrechung betroffen. Was damals noch nicht absehbar war: Die Stilllegung des Werks sollte sich sehr lange hinziehen. Erst nach anderthalb Jahren und Dutzenden von Gutachten wurde die Stilllegung aufgehoben – und das auch nur für einen Teil des Werks. Helge Jetschiny, Leiter Finanzen/Controlling bei Schill + Seilacher, kommentiert: „Die von den Behörden verhängte Stilllegung hätte um ein Haar dazu geführt, dass wir den Standort komplett hätten schließen müssen. Es drohte der unmittelbare Verlust von rund 120 Arbeitsplätzen in Pirna. Die exzellente Beratung und proaktive Schadensteuerung durch Funk hat dazu beigetragen, dass wir nun endlich sicher sind, dass es hier weitergehen wird.“ 

Zwischenzeitlich musste jedoch kurzfristig eine Ausweichmöglichkeit für die Produktion gefunden werden. Schließlich sollte die Nachfrage der Kunden trotz des Schadens weiter bedient werden. Dafür wurden Lohnfertiger gesucht und beauftragt. Schill + Seilacher konnte seine Kunden also weiter beliefern. Lars Imbeck meint dazu: „Dieser Schaden zeigt, wie wichtig die Vereinbarung ausreichender Haftzeiten für Betriebsunterbrechungen in Betriebsunterbrechungsversicherungen sind. Denn während der technische Wiederaufbauin den meisten Fällen sehr zügig erfolgen könnte, führen behördliche Auflagen oft zu kaum absehbaren Verlängerungen der Betriebsunterbrechung. Dies gilt übrigens nicht nur für die chemische Industrie, sondern für viele Branchen. Erfreulich ist für Unternehmen derzeit, dass die Prämien für Betriebsunterbrechungs-Versicherungen mit langer Haftzeit äußerst stark rabattiert werden. Es empfiehlt sich also eine möglichst lange Haftzeit zu wählen.“ 

Für Schill + Seilacher hat sich positiv auf die Regulierung des Schadens ausgewirkt, dass man sich rechtzeitig für die Versicherung eines Haftungszeitraumes von 36 Monaten entschieden hatte. Heute, mehr als drei Jahre später, dürfen zwar alle vom Schaden nicht betroffenen Anlagen von Schill + Seilacher in Pirna wieder produzieren. Der Wiederaufbau der vom Schaden betroffenen Anlage hingegen ist bis heute noch nicht behördlich genehmigt worden. Auch wenn es für den abgeschlossenen Schadenfall keine Bedeutung mehr entfalten konnte, hat Schill + Seilacher aufgrund der aktuellen Schadenerfahrung für die Zukunft sogar eine Verlängerung der Haftzeit auf 48 Monate durch Funk veranlasst.


Ihr Ansprechpartner

Lars Imbeck

+49 40 35914-0




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