• Beruf "Risikomanager" – Chance oder Bürde?

19.12.2016

Aus dem privaten Umfeld eines Risikomanagers kommt oft die Frage, wie sich denn der Beruf auf das eigene Verhalten im Alltag auswirke? Bis vor kurzem konnte ich darauf nur halbwegs gute Antworten geben. Ein Zwischenfall schaffte Klarheit.

Es ist der 24. November 2016. Wie gewohnt schreiben mir die Kalendererinnerungen auf dem Smartphone beim Aufwachen meinen Tagesablauf vor. "Enterprise Risk Summit 2016 in Zug" sagt mir mein mobiler Begleiter. Eine Stunde später sitze ich im InterRegio nach Zug. Bei der Einfahrt in den Zimmerbergtunnel ruckelt es plötzlich etwas und ich merke, wie wir langsam an Geschwindigkeit verlieren. Dann kommen wir zum Stehen. "Nichts Ungewöhnliches", denke ich mir. Wahrscheinlich müssen wir einen entgegenkommenden Zug passieren lassen. Etwa fünf Minuten später ertönt die erste Durchsage: "Geschätzte Fahrgäste, unsere Weiterfahrt verzögert sich um einige Minuten." Ich scrolle auf meinem Smartphone unbekümmert durch die News und informiere mich über das Weltgeschehen. Einige Minuten später, als es mir langsam einleuchtet, dass sich die Züge in diesem Tunnel bisher noch nie kreuzten, erfolgt eine zweite Durchsage. Die weibliche Stimme verkündet nun in auffällig besorgterer Stimmlage, dass es zu einem Brand an der Lokomotive gekommen sei und der Lösch- und Rettungszug unterwegs ist.

Bevor ich das Erlebte weiter ausführe, muss ich einen Exkurs zu einem Workshop einbauen, welchen wir nur wenige Wochen vor dem Vorfall bei einem unserer Bahnkunden durchführten. Darin ging es um die Feststellung bzw. Überprüfung des Höchstschadenspotenzials, welcher sich aus der Haftpflicht ergeben kann. Mit anderen Worten versuchten wir Worst-Case-Schadensszenarien zu erarbeiten und die daraus resultierenden Kosten für Personen- und Sachschäden zu quantifizieren. Drei Mal dürfte wohl zu viel sein, um das Szenario zu erraten, welches zu diesen Grenzfällen gehörte.

Ich sitze also in dem liegengebliebenen Zug und versuche mich an die Einzelheiten dieses Szenarios zu erinnern. Langsam aber sicher macht sich ein gewisses Unbehagen in meinem Körper breit, denn bei einem Brand im Tunnel rechneten wir mit bedeutenden Personenschäden. Die Gefahr geht weniger vom Feuer selbst aus. Es sind mehr die verbrannten Substanzen und die dabei entstehende Gase, die zu einer Rauchgasvergiftung und schliesslich zum Tod führen können. Wenn es schlecht läuft, braucht es dazu nur wenige Atemzüge.

Ich bin mir sicher, dass man mir meine Unruhe ansah, als ich mich folglich nach Fluchtwegen aus dem Zug und Tunnel umzuschauen begann und versuchte Rauchentwicklungen aus dem Zugfenster zu erkennen. Meine Mitreisende schien es recht wenig zu interessieren, dass ihr Leben auf dem Spiel stehen könnte. Die einen starrten weiterhin unbeeindruckt auf Laptop und Smartphone, die anderen beschwerten sich bei dem Sitznachbarn über die ständigen Verspätungen der Züge während ich im Kopf Berechnungen wie geschätzte Distanz bis zum Tunnelausgang / 100 (Meter) * 9.58 (Sekunden: Weltrekordzeit im 100-Meter-Lauf) = Zeit wie lange ich die Luft anhalten müsste, um unbeschadet aus dem Tunnel zu kommen, anstellte. Und auch wenn ich nicht Usain Bolt heisse und das Freitauchen auch nicht zu einem meiner Hobbies gehört, so hatte ich mir doch einen halbwegs vernünftigen Notfall- bzw. Fluchtplan vorbereitet.

Die nachfolgenden Durchsagen lösten etwas Unsicherheit aus. Zuerst erfolgte Entwarnung, dann kam der Lösch- und Rettungszug wohl doch zum Einsatz und konnte den soeben dementierten Brand löschen und schliesslich befanden wir uns gemäss den Angaben des Zugpersonals dann doch in Sicherheit und würden bald abgeschleppt. Sekunden später, als auf einmal überraschend viele Menschen an den Zugfenstern vorbeizulaufen begannen, hiess es "Der Zug wird evakuiert". Als wir dann im Tunnel stehen und auf den Evakuierungszug warten, kehrt bei mir endgültige Beruhigung ein. Im Tunnel ist von einem Brand weder etwas zu sehen, noch zu riechen.

Im Evakuierungszug muss ich dann schmunzeln, als ich von weitem die Leiterin des Corporate Risk Managements der SBB wiedererkenne. Ob sie auch einen ausgeklügelten Fluchtplan hatte, konnte ich bei dem Risk Summit – zu dem sie ebenfalls unterwegs war – leider nicht in Erfahrung bringen. Doch wenn es der Zufall so will, sitzen wir in einem Jahr wieder im gleichen Zug.

Als ich die Ereignisse des Morgens bei der abendlichen Rückfahrt Revue passieren lasse, merke ich, dass ich den Ernst der Lage ohne die in meinem Beruf gesammelten Erfahrungen wohl nicht erkannt hätte. Es ist also eine über die Jahre geschärfte Awareness mit der wir Risikomanager durch unser berufliches und privates Leben gehen. Klar machen wir uns oft Sorgen und hinterfragen vieles kritisch. Und klar können sich Risiken im Nachhinein als harmlos herausstellen oder nicht eintreten. Doch wenn sich ein Notfall tatsächlich ereignet, so sind wir darauf doch zumindest etwas besser vorbereitet als andere. Und wie man es so schön sagt: Risk favors the prepared!


Autor des Blogs

Max Keller




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